Quo vadis, Buchbranche?

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6,4 Millionen – so viele Leser hat die Branche in den vergangenen fünf Jahren verloren. 6,4 Millionen ehemalige Leser, die zwischen 2013 und 2017 kein einziges Buch mehr gekauft haben – weder als Printausgabe, noch als eBook.

Die im Januar vom Börsenverein vorgestellte Studie „Buchkäufer – quo vadis?“ (und die gestern nochmal von der FAZ aufgegriffen wurde) hat versucht, Ursachenforschung zu betreiben:

Warum haben gut 18% der Leser einfach aufgehört, zu lesen? Was tun sie stattdessen? Und gibt es eine Möglichkeit, sie wieder zurück zu holen?

Die Antworten (der Ex-Leser) sind weder neu, noch wirklich überraschend – zu schnelllebig sei unsere Zeit, zu überwältigend die permanente Informationsflut und der Druck, ständig erreichbar sein zu müssen – der Blick auf das Smartphone als Automatismus.

Die Folge der andauernden Reizüberflutung? Ein Gefühl der Abhängigkeit, von Zeitdruck und innerer Unruhe – Gift für das „Erlebnis Buch“.

Auf ein Buch muss man sich einlassen, lesen braucht Zeit und Konzentration – wie soll man in ein Buch, eine Geschichte, abtauchen können, wenn das Smartphone durch piepen und blinken lautstark Aufmerksamkeit fordert?

Außerdem – auch das haben die Ex-Leser zu Protokoll gegeben – sei die Flut der jährlichen Neuerscheinungen eine weitere Überforderung:

Fast 70’000 Neuerscheinungen pro Jahr – und das sind schon 10% weniger als noch vor vier Jahren – lassen selbst Buchhändler_innen gerne mal verzweifeln – man kann sich vorstellen, wie der interessierte „Laie“ sich dabei fühlt.

Und hier reden wir nur vom Problem der Quantität; die Problematik der Qualität haben wir noch gar nicht angesprochen – weder die schlecht recherchierten und lektorierten Schnellschüsse, noch den (gefühlt) Tausendsten Aufguss von Shades of Grey, Bis(s) zum …, Harry Potter (und wie sie alle heißen), die stapelweise in fast jeder Buchhandlung liegen – Innovation und Individualität? Fehlanzeige.

Und was macht der Ex-Leser nun, da er nicht mehr liest?

Verbringt der Ex-Leser nicht gerade drei bis vier Stunden pro Tag im Internet, dann wird gestreamt – Netflix, Amazon & Co. bieten Seriengenuss rund um die Uhr:

Nach der Arbeit noch ein, zwei Folgen der Lieblingsserie schauen, am Wochenende ein Serienmarathon (Binge Watching) mit Freunden – für den Ex-Leser ist das nicht nur entspannend, sondern auch sozial relevant.

Entspannend, da der Zuschauer nicht wirklich etwas tun muss – Fernseher an, Dienst starten, entspannt auf dem Sofa lümmeln und sich berieseln lassen.

Sozial relevant, weil man als Fan einer Serie Teil einer Gemeinschaft ist – über Serien wird geredet, es wird gepostet und getweeted, Fanfiction und Fanvids werden ins Netz gestellt.

Und das Buch?

Beim Lesen ist man allein, kapselt sich ab, und auch nach der Lektüre ist man noch allein; mit dem Schwinden der Leser verkleinert sich auch die Gemeinschaft, mit der man das Erlebnis Buch teilen kann – auch das haben die Ex-Leser in der Studie zu Protokoll gegeben.

Was also tun?

Lässt man eher obskure Vorschläge (die in der Studie gemacht wurden) wie Speed-Dating und Yoga-Kurse mal außer Acht und konzentriert sich stattdessen auf das, was noch in der Studie gesagt wurde – und wie sich die Branche in den letzten 10, 15, Jahren entwickelt hat, dann wird folgendes deutlich:

Die Buchbranche muss nicht nur umdenken, sondern sich vor allem mehr in Frage stellen.

Auch wenn die Zahl der Neuerscheinungen bereits gesunken ist, so sollte diese Zahl noch weiter reduziert werden – zu deutlich war, dass sich die (Ex-)Leser im Dschungel der Neuheiten nicht zurecht finden.

Verlage müssen nicht nur weniger produzieren, sondern wieder mutiger werden:

  • Warum nicht auf junge/unbekannte/deutsche Autoren setzen, statt der X-ten ausländischen Lizenz einkaufen?
  • Was ist eigentlich so schwer daran, enger mit dem Buchhandel zusammen zu arbeiten?
  • Wie kann es sein, dass man so viele – teils wirklich talentierte – Autoren zu Amazon ziehen lässt?
  • Warum sind gerade die renommierten (belletristischen) Verlage nicht in der Lage, eine vernünftige (Self-Publishing)Plattform zu bieten?

Natürlich ist mir bewusst, dass es z.B. mit TWENTYSIX und neobooks solche Angebote durchaus gibt – vergleicht man allerdings die Konditionen von BoD direkt (dem Partner von TWENTYSIX/Random House) mit denen von TWENTYSIX – von Amazon ganz zu schweigen – wird schnell klar, warum das bisher nicht wirklich angenommen wurde.

Wenn wir gerade beim Thema sind – auch im Buchhandel muss ein Umdenken erfolgen:

Als ich 1999 meine Ausbildung zur Buchhändlerin begann – zu einer Zeit, als Amazon in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckte und StudiVZ als Soziales Netzwerk durchging – war unser Beruf (und der Stellenwert des selbigen) noch ein anderer.

Anfang der 2000er waren es hauptsächlich die (engagierten) Buchhändler_innen, die einen Titel „gemacht“ haben – wir waren es, die sich durch meterhohe Stapel von Verlagsprogrammen gearbeitet, durch Leseexemplare gekämpft und Kunden für unserer Entdeckungen begeistert haben.

Unsere Meinung war nicht nur etwas wert – unsere Meinung war die Meinung. (Sarkasmus, anyone?)

In Zeiten der Digitalisierung und Sozialer Netzwerke ist die Meinung der Buchhändler_innen allerdings nur noch eine von vielen – da wird geliked und geteilt, es gibt Kundenrezensionen beim großen, bösen Amazon und eine Vielzahl an Blogs und Foren, die sich mit dem Thema Buch beschäftigen.

Auch wenn sich das im ersten Moment ein wenig paradox anhört – genau hier liegt allerdings auch die Chance für den Buchhandel:

All das, was so viele Buchhändler_innen vor Ort auszeichnet – Fachkompetenz, Begeisterung, Leidenschaft – muss auch im Netz sichtbar sein.

Die digitale Welt bietet so viele Möglichkeiten – von Websites über Soziale Netzwerke hin zu Blogs – die der stationäre Buchhandel sich zu Nutze machen kann (und auch muss):

  • Wie wäre es mit einer informativen und benutzerfreundlichen Website, die mehr bietet, als nur die Kontaktdaten?
  • Warum nicht den Titel des Monats vorstellen? Oder die eine, außergewöhnliche, Entdeckung?
  • Oder wie wäre es mit einem Blog über den alltäglichen Wahnsinn im Buchhandel?
  • Und warum nicht auch über Facebook & Co. mit Kunden/Lesern in Diaolog treten?

Der stationäre Buchhandel hat noch immer viel zu bieten – er muss es bloß wirklich zeigen (wollen).